Ob mit Jazz, Dschingis Khan oder dem aktuellen Allstarprojekt Soulmates: Starproduzent Leslie Mandoki übersteht seit 40 Jahren jede Krise. Sein Schnauzer auch.
kulturnews: Herr Mandoki, Sie halten nicht viel von der These, dass viele Köche den Brei verderben, oder? Ich habe rund 30 Musiker auf Ihrem neuen Album „Aquarelle“ gezählt …
Leslie Mandoki: Grundsätzlich ist es in der Tat so, dass viele Köche den Brei verderben könnten. Allerdings handelt es sich hier ausschließlich um eine Versammlung von legendären Bandleadern und ikonenhaften Masterminds, die aufgrund ihrer Empirik genau wissen, dass zu viel Ego auch Destruktivität hervorbringen kann.
kulturnews: Mit diesem Allstarprojekt setzen Sie auf analoge handgemachte Musik. Damit stemmen Sie sich gegen eine Entwicklung, die Sie eh nicht aufhalten können – so wie es Bob Dylan einst in „The Times they are a-changin“
geschildert hat.
Mandoki: Bob Dylan hat recht, und kein Mensch will oder kann die Entwicklungen aufhalten. Unsere tägliche Arbeit ist das Produkt modernster Digitaltechnologie. Bei diesem einen Projekt jedoch pflegen wir die Tugend der handgemachten und analog aufgenommenen Rockmusik. Die Balance von Form und Inhalt wird einerseits idealistisch, andererseits gewissermaßen virtuos definiert. In einer sich radikal verändernden Welt bleibt eines erhalten: die Klangästhetik handgespielter, analog aufgenommener Musik, die keineswegs formatgerecht ist, aber grundehrlich. Alles verändert sich, aber einige Dinge bleiben.
kulturnews: Sie werfen der Musikindustrie vor, uns jahrelang mit konfektionierten Formaten überschwemmt zu haben. Sind Sie als unabhängiger Unternehmer eigentlich klammheimlich froh über den Zusammenbruch der Branche?
Mandoki: Auch wir haben von einer konfektionierten, zwangsvisualisierten, sehr stromlinienförmigen und sozialpornografisch vermarkteten Popmusik profitiert. Die Implosion der Tonträgerindustrie ist tragisch für jeden verloren gegangenen Arbeitsplatz, doch mussten wir Musiker schon immer unseren individuellen Weg aufs Neue definieren. Und die heutige Rockmusik als Reaktion auf den Paradigmenwechsel ist ebenso innovativ wie zuletzt in den 1970ern.
kulturnews: Apropos Konfektion: Ihre einstige Hitband Dschingis Khan war auch nicht gerade des Wagemuts letzter Schluss. Sie kamen aus der ungarischen Studentenbewegung und vom Jazz; wie konnten Sie da plötzlich Sachen singen wie: „Moskau, Moskau, Liebe schmeckt wie Kaviar, Mädchen sind zum Küssen da, ho, ho, ho, ho, ho!“?
Mandoki: Die Antwort ist ganz einfach. Ich bin dem Kommunismus durch eine abenteuerliche Flucht entkommen und suchte nach der Möglichkeit, im „goldenen“ Westen ohne Zensur und ohne Folter Wurzeln zu schlagen. So kam ich dank einer Empfehlung von Klaus Doldinger in Ralph Siegels damaligen Studiokomplex.
kulturnews: Mit den Soulmates sind Sie nun zu Ihren Wurzeln zurückgekehrt und haben Spitzenkönner wie Steve Lukather, Till Brönner oder Bill Evans zusammengetrommelt. Wie erklären Sie sich Ihre Wertschätzung in Kollegenkreisen, die bei der Kritik oft nicht ganz so ausgeprägt war?
Mandoki: Was die Kritiker angeht, wurde unsere Arbeit weltweit mit extremst guten Rezensionen versehen. Was die Kollegen über unser Projekt denken, lasse ich sie lieber selber sagen.
kulturnews: Sie hängen Ihr Projekt sehr hoch, sprechen von „radikaler Intensität“ und „dem wahren Sinn des Musizierens“. Tut’s nicht auch eine Nummer kleiner? Schließlich spielen Sie einfach nur guten alten Fusionrock.
Mandoki: Musik ist nur dann gut, wenn sie leidenschaftlich, sinnlich, „message“-schwanger und intelligent ist und ihre eigene individuelle Form sucht. Ob es zu hoch gehängt ist? Unsere Aufgabe als Musiker ist es, uns jedes Mal auf ein Neues zu übertreffen. Tiefer dürfen wir diesen Anspruch nicht hängen.
kulturnews: Wann hatten Sie eigentlich zuletzt eine Frisur, die im Trend war?
Mandoki: Ich war noch nie modisch, trendy oder cool. Weder künstlerisch noch gesellschaftspolitisch – und auch nicht, was mein Outfit betrifft. Ich habe mich seit meinem Abitur stylingmäßig nicht verändert: die Haare, der Schnauzer, die
501-Jeans, die Chucks. Die Welt mag sich verändern, aber einiges bleibt. Vor allem unsere Musik.
Interview: Matthias Wagner – Quelle Kulturnews 0909